Gedanken zum World Overshoot Day 2017

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Heute wird’s dramatisch, es geht um das große Ganze:
Sind die blöd? Wie sich eine Neunjährige den Earth Overshoot Day erklärt…

Aus welcher Überzeugung ich zu einer bescheuerten Minderheit gehöre…
Warum nachhaltig leben reiner Egoismus ist…

Wie, die Erde ist erschöpft?

Heute am Frühstückstisch meiner Schwester: Es ging um den Earth Overshoot Day, den Welterschöpfungstag. 2017 ist es der 2. August. Meine Nichte (9) fand das interessant und fragte nach, was es damit auf sich hat.
Am Earth Overshoot Day hat die Menschheit seit Anfang des Jahres so viele natürliche Ressourcen verbraucht, wie unsere Erde in einem Jahr hervorbringen kann. Wir leben seit heute auf Pump, es geht an die Substanz. Warum?

Ja, warum eigentlich? Ganz einfach erklärt mit der Logik einer Neunjährigen:
Meine Schwester: „…wenn wir so weitermachen, brauchen wir 2030, in weniger als 15 Jahren, eine zweite Erde“
Nichte: „Mama, aber wir haben doch gar keine zweite Erde?“
Meine Schwester: „Nein, leider nicht“
Nichte: „Sind die alle blöd!? Die kapieren alle das Einfache dran nicht – dass es einfach keine zweite Erde gibt.“

Es geht bergauf! Sagt die Maus, als die Katze sie die Treppe rauf trägt

Dieser Welterschöpfungstag liegt jedes Jahr früher. Das zeigt mir, dass wir es nicht konstant vermasseln. Nein, bei allem politischen Blabla und medienwirksamen Wir-retten-die-Welt-Klimakonferenzen, wir werden immer schlimmer. Mit dem eigenen Dreck am Stecken lässt es sich gut und erfolgreich auf andere Länder und Leute zeigen. Natürlich liegt es nicht nur in den Händen der Politik, sondern mindestens genauso an uns. Mein eigenes Verhalten kann ich immerhin beeinflussen, ich habe (meistens) die Wahl. Zur Politik kann ich ebenfalls sagen: Wahlrecht.
Eigentlich bräuchten wir 1,7 Erden um unseren Verbrauch auszugleichen, 2030 zwei Planeten, 2050 drei. Lebten wir alle wie die Australier, bräuchten wir sogar 5,2. Deutschland hat laut dem Magazin GEO seine Ressourcen übrigens am 24. April aufgebraucht. Den Ländervergleich findet ihr in ebendiesem Artikel.
Auf overshootday.org kannst du übrigens deinen persönlichen Overshoot Day berechnen.

„Mach bloß keine Schulden!“ (Zitat Eltern, Ende)

Was mir und vielen anderen schon als Kinder beigebracht wurde: „Leb nicht auf Pump, mach bloß keine Schulden.“ Daran muss ich nun unweigerlich denken. Wenn ich mir Geld leihen muss, habe ich ein mieses Gefühl. Es ist gerade jetzt in der Urlaubszeit schon irritierend: Es verunsichert einige immens, wenn sie für die Urlaubsreise den Dispo überziehen. Da wird um 50 € gefeilscht, um jede halbe Stunde Ankunftszeit. Um so lange wie möglich die „grooßartigen, unberührten Landschaften, seltene Tiere und Pflanzen sehen zu können. Wenn man schon so weit fliegt.“
Den Dispo des Planeten unwiderbringlich zu überziehen ist aber okay, oder?!
Ich weiß, manchmal muss investiert werden, um ein Geschäft zum Laufen zu bringen oder es zu halten. Um sich was zu gönnen. Leuchtet mir alles ein. Davon stirbt noch keiner. Offensichtlich weckt aber bereits diese Kleinigkeit unangenehme Emotionen. Wenn ich etwas „auf Pump“ mache, denke ich vorher über kurz- und langfristige Folgen nach. Das ist im Geschäftswesen doch üblich, nicht wahr? Bei natürlichen Ressourcen geht es um unvergleichbare Dimensionen, mehr als um (kurzfristigen) wirtschaftlichen Erfolg. Und überhaupt, wem gehören die Ressourcen des Planeten eigentlich? Und wer verdient an deren Ausbeutung?

Ich bin Teil einer bescheuerten Minderheit und stelle Lebensstile infrage. AUTSCH!

Ich erinnere mich an einen Kommentar in der Süddeutschen Zeitung von 2015, der mir immer wieder einfällt. Angesprochen fühlte ich mich besonders von folgender Aussage, wobei ich durchaus finde, dass die Probleme mittlerweile nicht mehr diffus sind:
„Heute hingegen gelten Warnende letztlich als Langweiler, und das aus mehreren Gründen. Zum einen ist das von ihnen beschriebene Problem noch relativ diffus. Zum anderen fügen die Warnenden immer hinzu, dass es mit ein paar Reparaturen diesmal nicht getan sein wird. Sie stellen den Lebensstil infrage. Aber wer verzichtet schon auf täglich Fleisch und jährlich Thailand, in der Gewissheit, dass man mit solchem Verhalten ohnehin nur zu einer nicht ins Gewicht fallenden, also bescheuerten Minderheit gehören würde?“

Ich gehöre zu dieser bescheuerten Minderheit. Und ich stelle Lebensstile, auch den eigenen, infrage. Das ist sowas von unbequem. Eine Freundin sagte vor kurzem, als es um Autos, Leben, Reisen, Konsum ging: „Leben und leben lassen.“
Damit hat sie Recht. Es klingt so schön, das hab ich mir glatt mal auf der Zunge zergehen lassen. LEBEN und LEBEN LASSEN.
Das will ich auch, gut leben sogar, genießen, was von der Welt sehen.
Was wir allerdings machen ist: LEBEN und STERBEN LASSEN.
Und da kann die Idiotin aus der bescheuerten Minderheit Augen, Herz und Verstand einfach nicht verschließen. Warum ist mir Nachhaltigkeit wichtig, anderen so dermaßen egal? Mir wurde, außer am besten keine Schulden zu machen, noch mitgegeben: „Wenn du von einem sehr viel hast, hat ein anderer davon zu wenig.“
Viele, an sich sehr geschätzte, Freunde shoppen, (fr)essen, reisen, haben ungenutzte Handys in der Schublade rumliegen, konsumieren ohne nachzudenken. Das ICH ist immer größer als der Preis, den andere zu zahlen haben. Getreu dem Motto „Ich habe, also bin ich“.
Beliebte Argumente, die ich nicht mehr hören kann: „Ich allein kann eh nix ändern“, „Ach geh, so schlimm wird‘s schon nicht werden“ und mein Favorit: „Unser kleiner Hippie, aber die braucht es ja auch“.
Nachhaltigkeit ist ein unerschöpfliches, anstrengendes Thema. Ich informiere mich, fühle mich gleichzeitig immer zu wenig informiert: Die Zusammenhänge von Armut, Klimawandel, Massentierhaltung, die Abholzung der Regenwälder für Soja, Palmöl, Viehfutter, Automobilindustrie, Produktion und Entsorgung technischer, alltäglicher Geräte, Nachhaltigkeits-Siegel…da drehst durch!
Uns bleibt an allen Ecken und Enden im wahrsten Wortsinn die Luft weg. Was einfacher ist als nachzudenken und zu philosophieren? Machen! Einfach loslegen, beim Plastik sparen, beim Einkauf, Stromverbrauch, einfach bewusster mit den Ressourcen umgehen.
Ich muss es nicht perfekt machen, aber warum nicht besser?
„Alleine kann ich nichts bewegen“ denken viele, Tausende, Millionen. Viele, Tausende, Millionen bestimmen die Nachfrage. Die Nachfrage bestimmt meines Wissens den Markt.

ICH ICH ICH! Ist es egoistisch, in Frieden ein schönes Leben führen zu wollen?

Es ist niemandem vorzuwerfen, sich für den bequemsten Weg und einfach für die schönste aller Möglichkeiten zu entscheiden. Ich mach das auch und bin ganz bestimmt keine Konsum-Heilige. Es geht im Leben schließlich auch um Selbstwert- und Wohlgefühl, ums ich. ICH ICH ICH! Ich habe es aber auch nicht nötig, jeden billigen Mist zu kaufen, mich mit Konsum von Problemen abzulenken, mich vom kurzen Glück des Kaufrausches verführen zu lassen. Manchmal überkommt es mich, aber ich habe genügend andere Strategien – mein Ego lebt nicht allein von der Mode, die ich trage, nicht vom Auto, das ich fahre und ganz sicher nicht von den 30 €, die ich mir spare, wenn ich billigst produzierte Lebensmittel und Klamotten kaufe, die ich in der Menge nicht brauche.
ICH will ein gutes Gewissen haben. Ich habe nicht mal Kinder, aber ich will mir nicht nachsagen lassen, wie schlampig ich die Welt hinterlassen habe. Meinem Gerechtigkeitssinn widerstrebt es schmerzlich, zu sehen, dass zwar nur wenige von dieser Ausbeutung profitieren, dafür aber grenzenlos. ICH will keinen Krieg um Wasser und andere Ressourcen erleben müssen. Und genau JETZT leiden schon immens viele Menschen und Tiere, dazu brauche ich keine 100 Jahre warten, in der Hoffnung es nicht mehr mit ansehen zu müssen. Ich bin so egoistisch und will JETZT Frieden, Luft, saubere Orte in der Natur, grün statt betongrau. Eigentlich ganz und gar nicht bescheuert.

Ein schöner Sandstrand, raus in die Natur um vom Stress mal runterzukommen, Bergtouren, Städtetrips, fremde Kulturen, länderspezifisches Essen…all das macht halt auch nur Spaß, wenn es diese schönen Orte noch gibt und ich dort noch atmen, sauberes Wasser trinken kann und Essen habe, das ich vertrage, weil ich weiß, was drin ist. Und wenn wir gerade dabei sind – meine Geschwisterkinder möchten das bitte auch noch.

Ganz einfach. Danke.

 

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