Nicht so schnell! Wer mit offenen Augen blind ist, übersieht das ganze Leben

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Wer was entdecken will, muss schon die Augen aufmachen.
Außerdem bestätige ich mir selbst, dass ich mir Besuche bei Achtsamkeits-Gurus auch künftig schön sparen werde, weil ich alle Sinne dafür schon habe. Sie schlafen nur. Zeit, sie aufzuwecken! 

Fast täglich nehme ich zu Fuß oder auf dem Rad die Kurve in einer Seitenstraße. Mal mehr, mal weniger schnell. Ich blicke noch kurz zu dem schönen Haus an jenem Eck, das seinen Namen „Klein-Venedig“ wirklich verdient. Meistens schicke ich noch schnell den Wunsch „Hier würd ich ja gern wohnen, was wäre das schön so direkt am Bach…“ Richtung Universum oder wohin auch immer (ja, wo schicke ich meine Stoßgebete eigentlich immer mit der Bitte um Bearbeitung hin?!). Dann ist der Gedanke längst verflogen. Hab ich die Einkaufsliste dabei? Was erwartet mich in der Arbeit? Hier schaut’s aber auch täglich wilder aus unter der Brücke…man macht sich halt so seine schnellen Gedanken.

Ich sehe den Baum vor lauter Wald nicht mehr – Zeit für einen Perspektivenwechsel

Gestern hatte ich Besuch von meinem Bruder. Wir nahmen auf dem Weg zur Eisdiele die Kurve gemeinsam.
Und wie ich so strolcht durch den immer gleichen Weg, ruft der Bruder: „Halt mal! Sonst fotografierst jeden Mist und DAS übersiehst du?“
Er hat einen kleinen Schatz entdeckt, bzw. das, was ich als Schatz definiere: etwas Besonderes, Unerwartetes, nicht auf den ersten Blick sichtbar, raffiniert, nicht käuflich.

©cocolowres

Keine Ahnung, wem das Gefährt mit dem Garten aufm Dach, das mich so an Italien erinnert und in „meiner“ Kurve steht, gehört. Der/die Besitzer/in muss auf jeden Fall unfassbar cool sein.
Und ich hätte es fast nicht gesehen!
Ich, die sich für so achtsam hält.
Die denkt, anderen noch was dazu beibringen zu können und sich über den inflationären Gebrauch des Achtsamkeits-Begriffes für Marketing-Zwecke aufregt.
Verloren hab ich sie, so schaut es aus. Ich sehe den Baum vor lauter Wald nicht mehr. Es wird Zeit auszumisten, Gedanken und Zwänge, unbeeinflussbare Lasten und unstrukturierte Pläne loszulassen. Es ist gerade gut, dass das Genießen im Hier und Jetzt ein so großes Thema ist. Und es ist gut, dass mir das im Urlaub kommt, in dem ich mehr oder weniger freiwillig von einer Reise absehe und Zeit und Raum für mich daheim habe.

Künftig nehme ich die Kurven (und auch die geraden Strecken) langsamer und schaue nicht nur das an, was ich schon kenne.
Übrigens habe ich in letzter Zeit mehrmals gelesen, dass Fotografieren bei weitem nicht bedeutet, das einzelne Schmuckstück nicht mehr zu sehen. Im Gegenteil. Es kommt schon drauf an, ob ich mit dem Blei-Finger auf dem Auslöser durchs Leben rausche, das Leben konsumiere um schneller, höher, weiter und mehr in kurzer Zeit abhaken zu können, weil es ja in irgendeiner Galerie abgelegt ist.
Meine Güte, schon bin ich wieder am Philosophieren. Im übertragenen Sinne: Ich kann Essen, Beziehungen, Reisen, Arbeitsstellen, Familie, eigentlich alles im Leben LEBEN im Sinne von darin eintauchen. Oder ich kann es schnell konsumieren, abhaken. Ich habe die Wahl, wie ich Qualität und Quantität verbinden will.
Wer sich die Zeit nimmt, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, Details zu entdecken (nein, die sind nicht immer angenehm) und einzufangen, lebt mehr im Hier und Jetzt.
Den Foto-Artikel suche ich nochmal raus und freu‘ mich, dass ich bei der Wahl des neuen Handys zumindest ein bisschen auf die Qualität der Kamera geachtet habe.

Wann habt ihr zuletzt etwas zum ersten Mal wahrgenommen? Ein Detail entdeckt? Bewusst erlebt und nicht nur erledigt?

 

 

2 Kommentare

  1. Wie wahr, liebe Coco!
    Zuletzt innegehalten: an einer Kreuzung in Taizé: ein kleines Stück Wiese an einem Teich, hohe, helle Bäume (Name mir nicht bekannt, vielleicht Birken?) und dann der sanfte Wind in den Blättern. Stehengeblieben, gelauscht. Schön!

    Gefällt 1 Person

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